Undurchsichtiges Thema verständlich machen

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Corona-Stabsstelle des Landkreises Bad Kreuznach kämpfen an vorderster Front, wenn es um die Eingrenzung der Pandemie und die Verhinderung neuer Infektionen geht. Daniel Viehl ist als Containment Scout des Robert-Koch-Instituts (RKI) seit Oktober Mitarbeiter der Corona-Stabsstelle des Landkreises Bad Kreuznach. Der studierte Kulturwissenschaftler berichtet aus seinem Arbeitsalltag.


Anfang des Jahres 2020 begann sich einiges in unserem Leben zu ändern. Das neuartige Corona-Virus kam in Deutschland an. Anfangs vielleicht noch unterschätzt, stellte sich schnell heraus, dass uns diese Krankheit vor eine große Herausforderung stellen würde. Mediziner, Behörden, Unternehmen und jeder Einzelne musste sich auf seine eigene Weise anpassen und teilweise gravierende Änderungen im Berufs- und Privatleben vornehmen.

Mittlerweile sind wir in der dritten Welle angekommen und Experten haben bereits in Aussicht gestellt, dass uns Corona noch für einige Zeit begleiten wird.
Inmitten all dessen arbeite ich seit Oktober 2020 in der Corona-Stabsstelle in Bad Kreuznach, einer Einrichtung, die ins Leben gerufen wurde, um das Virus gezielt zu kontrollieren und eine Ausbreitung zu verhindern. Positive Testergebnisse werden direkt an uns übermittelt, damit wir die Personen kontaktieren und die Quarantäne verordnen können. Dabei bin ich im Bereich der Kontaktermittlung und -nachverfolgung tätig. Das heißt, wir ermitteln alle Personen, die in Kontakt mit einem bestätigten Positivfall standen und stellen sicher, dass die Infektionsketten frühzeitig unterbrochen werden können. Natürlich stellt diese Arbeit einen großen Anspruch an uns alle hier, insbesondere wenn die Inzidenz im Landkreis wieder steigt und mehr Fälle im Posteingang liegen, die bearbeitet werden müssen. Es ist definitiv keine Arbeit, die man mal ruhigen Gewissens für ein paar Tage liegen lassen kann. Testungen finden jeden Tag rund um die Uhr statt und so kommen auch entsprechend die Testergebnisse über den ganzen Tag verteilt bei uns an.

Zeitnah informieren
Manchmal ist es schwer, morgens auf die Arbeit zu kommen und abzuschätzen, wie sich der restliche Tag entwickelt. Es kann immer sein,dass ein Kind in der Schule posiiv getestet wird, was für uns direkten Handlungsbedarf und oftmals auch lange Listen zum Abtelefonieren bedeutet, damit alle Betroffenen zeitnah informiert werden können.
Das Virus schläft nicht, auch nicht an Sonn- oder Feiertagen, und so ist auch die Corona-Stabsstelle sieben Tage in der Woche besetzt. Der nächste große Fall kann jederzeit passieren. Es belastet natürlich, dass man an einem Tag bis spät abends am PC gesessen hat, um sicherzustellen, dass man jede Person erreichen konnte.

Abschalten fällt schwer  
Oftmals geht man in den Feierabend, weil man selbst nicht mehr kann, und nicht, weil man nichts mehr zu arbeiten hätte. Zusätzlich ist das Virus omnipräsent. In den Medien wird darüber berichtet, jeder Einzelne ist auf irgendeine Art davon betroffen.

Dennoch gehe ich gerne auf die Arbeit, weil ich das Gefühl habe, dass ich etwas ausrichten kann. Natürlich werde ich alleine das Virus nicht stoppen und es obliegt der Verantwortung jedes Einzelnen, seinen Teil beizutragen, um ein Ende des Ganzen sehen zu können.

Erstmal Ratlosigkeit
Jeder Mensch hat seine eigenen Probleme und Herausforderungen im Leben. Kommt dann auf einmal der Anruf von der Stabsstelle weiter, was muss ich tun, wie mich verhalten und wie lässt sich das in irgendeiner Weise mit dringenden Angelegenheiten verbinden, die nicht aufschiebbar sind? Sich selbst über alles zu informieren, ist möglich, klar. Aber bei allen Änderungen, die passieren, weil sich in einer Studie doch andere Begebenheiten erschließen, oder sich zeigt, dass ein anderes Vorgehen nötig ist, um den neuen Herausforderungen gerecht zu werden. Da ist es auch gleichzeitig schwierig, den Überblick zu behalten. Viele Menschen, die wir anrufen, haben Fragen oder Ängste und sind durch die Flut an Informationen meistens auch einfach verwirrt. Vieles wirkt unzugänglich und schwer zu greifen und wenn auf einmal Quarantäne angeordnet wird, muss das Alltagsleben, das sowieso durch Corona schon genug beeinträchtigt wird, scheinbar völlig stillstehen.

Auch ist oftmals nicht bekannt oder bewusst, wie das Virus sich verbreitet, insbesondere da es sich so anders verhält, als es bekannte Viruserkrankungen tun. Meistens wissen die Menschen nicht, wie sie sich angesteckt haben sollen oder wieso sie in Quarantäne gehen müssen.

Und über allem schweben immer die Landesverordnung, die Daten und Fristen und Testungen vorgibt, ohne zu erklären, warum all das notwendig ist. Da entsteht auch mal Unmut bei den Menschen, wenn alles irgendwie unverständlich wirkt und man sich in der sowieso schon schwierigen Situation verloren fühlt. Sich diesen Fragen und auch der aufkommenden Wut zu stellen und den Menschen irgendwo Beistand zu leisten, um dieses undurchsichtige Thema verständlich zu machen und Ängste zu nehmen, ist für mich persönlich der größte und wichtigste Anspruch an unsere Arbeit.
Wir stehen stets in der Verantwortung, Verständnis für das Thema zu haben, um den Betroffenen mit Verständnis entgegen zu kommen. Zu wissen, dass man jemanden am Hörer hat, der einem nichts Böses möchte und versucht, in der ganzen Sache beizustehen und Ansprechpartner zu sein, hilft vielen Menschen, besser mit einer Nachricht klar zu kommen, die so einschneidend wirkt.
Jeder Anruf ist mit einem Einzelschicksal verbunden und man erfährt viel über die Menschen, mit denen man spricht. Das Ganze zu entzerren und auch mal individuelle Anfragen und Problematiken anzugehen, ist hierbei unerlässlich und wichtig, damit sich niemand verloren und alleine gelassen fühlt. Natürlich entsteht dadurch auch häufiger Stress. Vor allem, wenn Eltern sich um ihre Kinder sorgen oder die Eltern im Seniorenalter Corona bekommen, passiert es nicht selten, dass wir viel Zeit und auch Mühe in einen Fall investieren müssen. Aber letztlich ist es auch okay, den Arbeitsplatz mal spät zu verlassen, wenn man das Gefühl hat, wenigstens für eine Person einen Unterschied gemacht zu haben.